
Trennungsangst bei Kindern – wenn Loslassen für alle unerträglich wird
Trennungsangst bei Kindern ist weder Trotz noch Manipulation
Sie kommen an Ihre Grenzen, weil Ihr Kind sich nicht von Ihnen lösen kann und ohne Sie nicht existenzfähig zu sein scheint?
Jeder Abschied wird zur Belastung und zum Kampf, Alltagsanforderungen eskalieren und Sie sind nach vielen negativen Erfahrungen vor jeder Situation, die eine Trennung erfordert, selbst schon total gestresst, schweissgebadet und angespannt, weil Sie wissen, was gleich kommt?
Trennungsangst ist nicht gelebte Opposition, keine Entscheidung Ihres Kindes. Ihr Kind hat keine Wahl und kann das Problem nicht einfach abstellen durch Einsicht in die Gefahrlosigkeit der Situationen.
Trennungsangst ist eine manifeste, echte und ernstzunehmende Angststörung.
Symptome von Trennungsangst bei Kindern
Wie zeigt sich Trennungsangst bei Kindern?
Nicht jedes zeitweise Klammern an die Eltern ist eine behandlungsbedürftige Trennungsangst. Entscheidend sind Intensität, Dauer, Entwicklungsunangemessenheit und Funktionseinschränkungen. Konkret bedeutet das:
Von Trennungsangst spricht man, wenn Ihr Kind
- bei bevorstehenden oder tatsächlichen Trennungssituationen starke Angst oder Panik zeigt
- dabei Weinen, heftige Wut oder Verzweiflung entwickelt
- körperlich, zb mit Bauchschmerzen, Übelkeit, Kopfschmerzen, Schwindel reagiert
- Schlafprobleme hat (Ein – oder Durchschlafen)
- Kita, Schule, Freizeitaktivitäten ohne Sie vermeidet oder verweigert
- anhaltende Sorgen formuliert, Ihnen könne etwas zustossen
Wenn mehrere dieser Symptome über Wochen oder Monate hinweg bestehen UND sehr klar und deutlich über ein altersangemessenes Maß hinausgehen UND sich dadurch soziale, schulische oder familiäre Einschränkungen ergeben, dann spricht man von einer behandlungsbedürftigen Trennungsangst.
Ursachen von Trennungsangst bei Kindern
Trennungsängste entstehen nicht zufällig und auch nicht monokausal, aus einem einzelnen Auslöser heraus. Trennungsangst ist immer multifaktoriell bedingt, das Ergebnis eines Zusammenspiels neurobiologischer, entwicklungspsychologischer und psychosozialer Faktoren, die das Sicherheitsgefühl des Kindes beeinträchtigen:
Bindung und innere Sicherheit
Die Entwicklung von Trennungsangst ist eng mit der frühkindlichen Bindungsorganisation verbunden. In den ersten Lebensjahren bildet Ihr Kind über wiederholte Erfahrungen von Zuverlässigkeit, Nähe, Verfügbarkeit und Responsivität ein inneres „Arbeitsmodell“ von Sicherheit in dieser Welt. Dieses innere Modell bestimmt, ob Trennung als vorübergehender Zustand oder als Bedrohung erlebt wird.
Frühkindliche Trennungen oder Unterbrechungen der Bindungsbeziehung – etwa durch medizinisch bedingte Trennungen nach der Geburt, längere Krankenhausaufenthalte, sehr frühe Fremdbetreuung oder emotional nicht verfügbare Bezugspersonen – können die Ausbildung stabiler innerer Sicherheit beeinträchtigen. Dabei ist nicht das Ereignis an sich entscheidend, sondern die fehlende Möglichkeit des kindlichen Nervensystems, diese Trennung regulativ zu verarbeiten.
Trennungsangst bei Kindern – neurobiologische Hintergründe
Trennungssituationen im späteren Alltag aktivieren dann ein grundlegendes, altes Alarmmuster, das die Trennung als eine existenzielle Bedrohung bewertet. Chronische oder früh einsetzende Trennungsangst ist häufig mit einer erhöhten Grundanspannung des autonomen Nervensystems verbunden, das sich aufgrund früherer, überfordernder Trennungserfahrungen so sensibel ausgeprägt hat und hyperreagiert.
Traumaneurologisch betrachtet, lebt das Stressregulationssystem des Kindes ohnehin schon in hintergründig vorhandener permanenter Alarmbereitschaft und reagiert physisch und im Bereich der Stresshormone in Trennungssituationen so, als würde es gleich lebensgefährlich. Nichts davon kann Ihr Kind bewusst steuern. Es reagiert physisch und auf der Körperebene voll automatisiert. Sie kämpfen mit Ihrem Kind und der äußeren Anforderung und Gehirn und Körper Ihres Kindes kämpfen ums gefühlte Überleben. Das von Stresshormonen überflutete Gehirn ist in solchen Situationen für Worte nicht mehr zugänglich.
Übernommene Unsicherheit – wie Ihr Kind IHRE innere Lage wahrnimmt
Wie sensibel das kindliche Alarmsystem reagiert, hängt allerdings nicht nur von frühen Erfahrungen, sondern auch von der aktuellen Lebensrealität und emotionalen Umgebung des Kindes ab.
Kinder orientieren sich nicht primär an Worten, sondern an inneren Zuständen. Ihr Kind nimmt (über Ihre Körpersprache) sehr genau wahr, wie sicher, ruhig oder angespannt seine wichtigsten Bezugspersonen sind – auch dann, wenn Sie denken, dass Sie all das gut verbergen können.
Wenn Sie selbst dauerhaft unter Druck stehen, innerlich in Alarmbereitschaft sind oder viele ungelöste Unsicherheiten mit sich herumschleppen, kann sich dies auf das Nervensystem Ihres Kindes übertragen. Das geschieht unbewusst und ohne Absicht über ganz feine Mechanismen.
Kinder nutzen ihre Bezugspersonen als stabilisierendes externes Regulierungssystem. Ist Ihr System selbst dauerhaft belastet oder instabil, fehlt Ihrem Kind ein verlässlicher innerer Referenzpunkt und Orientierung. Alles Mögliche wird dann als potentiell bedrohlich erlebt und Trennungen sind dann der Verlust vom letzten Halt und der letzten Sicherheit.
Elterliche Rahmenbedingungen in der Alltagsgestaltung
Neben emotionaler Sicherheit spielen auch die strukturellen Rahmenbedingen eine zentrale Rolle. Kinder brauchen Vorhersagbarkeit, Orientierung und eine klare, liebevolle Führung.
Trennungsangst wird begünstigt, wenn:
- Abläufe häufig wechseln oder schwer einschätzbar sind
- Enstcheidungen und Regeln inkonsistent sind und stark vom momentanen Befinden der Bezugsperson abhängen
- Grenzen unsicher, inkonsequent, stark schwankend oder schlimmstenfalls gar nicht gesetzt werden
- Kinder Verantwortung übernehmen müssen, die ihrem Entwicklungsstand nicht entspricht
In solchen Kontexten können Kinder das Gefühl entwickeln, selbst für Stabilität sorgen zu müssen. Trennung wird dann als Risiko erlebt, weil die innere Ordnung ohne Bezugsperson nicht trägt und die erwachsene Person sich als nicht gut einschätzbar und nicht zuverlässig gezeigt hat.-
Was Sie selbst tun können
Bei leichter Trennungsangst geht es also nicht darum, Angst „wegzuüben und abzutrainieren“, sondern darum, eigene innere Sicherheit bei Ihrem Kind aufzubauen und adäquate Rahmenbedingungen zu schaffen. Denn erst wenn innere und äußere Sicherheit ausreichend vorhanden sind, kann Ihre Kind Trennungen besser aushalten.
- Nehmen Sie Ihr Kind in seiner Angst bitte ernst. Bagatellisieren, Ablenken oder „Zusammenreißen“ helfen nicht, auch wenn die Angst aus Erwachsenensicht noch so irrational und unbegründet ist. Ihr Kind soll erleben „Meine Angst wird verstanden und gesehen, ohne dass sie meine Eltern/Bezugspersonen total verunsichert und ein Drama daraus gemacht wird“. Die schlichte und ruhige Benennung „Du hast gerade Angst, wenn ich gehe“ zeigt ja schon, dass die Bezugsperson erkennt und versteht. Das wiederum kann erste Sicherheit geben und regulieren helfen.
- Eine verlässliche Bezugsperson sollte dem Kind als Anker zur Verfügung stehen, die verfügbar und emotional präsent sein kann. Häufiges Wechseln von Zuständigkeiten oder widersprüchliche Signale verschiedener Bezugspersonen erschweren es dem Nervensystem, Sicherheit zu empfinden. Hier braucht es klare Absprachen und kontinuierlich gleiche Reaktionen, Vorgehensweisen. Und eine Bezugsperson, die in der Lage und bereit ist, sich die Zeit und Energie für diesen Entwicklungsprozess des Kindes zu nehmen.
- Vorhersehbare, berechenbare und überschaubare Abläufe wirken Trennungsängsten entgegen. Etablieren Sie Rituale, kurze, wiederkehrende Gestaltungen der Situationen und absolut verlässliche Rückkehrzeiten. Lange Abschiede und wiederholtes Zurückkommen verstärken nur die Unsicherheit und verschlimmern enorm die Situation. Für ihr Kind ist es beruhigender, wenn Sie selbst zeigen, wie unproblematisch Trennungen sind und diese klar und freundlich, entspannt erfolgen – nicht zögerlich (funktioniert wie oben beschrieben allerdings nur, wenn das auch authentisch ist auf Ihrer Seite).
- Kleine Schritte sind wirkungsvoller als jede Form von Konfrontation. Bei leichter Trennungsangst sollte man mit ganz kleinen, gut zu bewältigenden Erfahrungen beginnen. Diese sollten nicht erzwungen, sondern soft eingebettet sein. Ihr Kind soll die Erfahrung machen können: Ich habe es geschafft und alles war in Ordnung! Vermeiden Sie Druck. Selbständigkeit und Autonomie entwickeln sich langsam Stück für Stück als Prozess. Lassen Sie diesem Prozess Zeit und Raum und konzentrieren Sie sich darauf, jeden auch noch so kleinen Fortschritt bestärkend zu benennen.
Wann ist trennungsangst behandlungsbedürftig?
Wenn die Ängste Ihres Kindes sehr massiv sind, die Situation außer Kontrolle und ein normaler, unbeschwerter Alltag stark beeinträchtigt, wenn Ihr Kind deutlichen Leidensdruck zeigt und Sie und Ihr Kind durch die Situation nachhaltig belastet sind, sollten Sie nicht warten. Wie bei allen Ängsten, wächst auch die Trennungsangst kontinuierlich mit jeder neuen Situation, in der die Symptomatik zu Vermeidung führt, also durch die Eskalation der Situation ausgewichen werden kann, stark an. Jede nicht geschaffte oder sehr dramatische Trennungssituation verschlechtert die Gesamtlage. Die Wahrscheinlichkeit, dass Trennungsangst erneut und dann noch schlimmer auftritt, erhöht sich.
Im therapeutischen Kontext sollten die Ursachen präzise eruiert werden und dann entsprechend bearbeitet. Auch Sie als Eltern sollten dabei in den Blick genommen und unterstützt werden. Ursachen und aufrechterhaltende Bedingungen auf Ihrer Ebene können wirksam behandelt werden, Ihr Kind kann Sie anschließend neu und verändert erleben. Dies gelingt am besten, wenn die Therapie genauso multidimensional an alle Themen herangeht (zb mit EMDR, narrativem EMDR, tiergestützter Therapie Hypnose…), wie die Ursachen multidimensional sind.
Die gute Nachricht ist: Trennungsängste lassen sich wirklich gut behandeln, wenn das Behandlungskonzept umfassend genug ist. Trauen Sie sich – Ihre Freiheit und die Ihres Kindes wartet 🙂
Für mehr Informationen oder Interesse an einem ersten Gespräch oder Therapieplatz erreichen Sie mich jederzeit telefonisch und über WhatsApp unter 0157 30969969 oder per mail unter brands.carolyn@gmail.com