Schlechte Nachrichten und Angst

Gehören Sie zu den Menschen, die merken, dass sie die tägliche Flut schlechter Nachrichten emotional kaum noch verarbeiten können – selbst dann, wenn sie nach außen im Alltag noch perfekt funktionieren?

Was permanente Krisen mit Menschen machen

Schlechte Nachrichten sind in unserem Alltag seit einiger Zeit allgegenwärtig: Krieg, Krisen, politische Eskalationen, wirtschaftliche Unsicherheit, Naturkatastrophen…Inzwischen merken viele Menschen sehr deutlich, dass sie diese Dauerbelastung emotional kaum noch verarbeiten können.

Permanente Krisen wirken wie ein Dauerstressor auf das menschliche Nervensystem. Studien zeigen, dass sie Angst, Überforderung und psychische Erschöpfung deutlich verstärken – besonders, wenn Krisen schnell aufeinander folgen oder parallel auftreten. In aktuellen Erhebungen z.B. berichten die Hälfte der jungen Menschen, dass sie sich durch die permanente Krisenlage überfordert fühlen.

Schlechte Nachrichten, das Nervensystem, Stress und Angst – psychologische Einrodnung

Was permanente Krisen mit Menschen machen – ein psychotherapeutischer Blick

Wir leben in einer Zeit, in der alle möglichen Krisen nicht mehr Ausnahme, sondern Dauerzustand sind. Die Folge ist ein psychologisches Phänomen, das Fachleute inzwischen „Permakrise“ nennen – ein Zustand, in dem das Nervensystem kaum noch Gelegenheit zur Erholung bekommt. Therapeutisch betrachtet ist das kein abstraktes Konzept, sondern ein realer Belastungsfaktor, der Angst, Stress und depressive Symptome verstärken kann.

In früheren Zeiten waren Belastungen fast immer zeitlich sehr begrenzt. Auf Phasen der Bedrohung folgten Phasen der Erholung. Bedrohung wird in der Permakrise aber nun zum Grundzustand für jeden von uns. Das Nervensystem bleibt in der Folge dauerhaft und durchgehend in erhöhter Alarmbereitschaft – auch dann, wenn im eigenen Alltag gerade nichts Akutes passiert.

Unser Gehirn reagiert stärker auf negative Reize – ein evolutionärer Schutzmechanismus. Medien zielen deshalb stets auf den größtmöglichen negativen Hype ab. Die Medialisierung unserer Welt in Kombination mit Globalisierung führt so zu einer Überdosis an Bedrohungsinformationen.

Warum permanente Krisen und schlechte Nachrichten so belastend sind

Das menschliche Nervensystem ist darauf ausgelegt, auf konkrete Gefahren zu reagieren. Es kann dann aktiv werden, handeln, sich schützen. Bei schlechten Nachrichten aber ist das anders: Die Bedrohung ist real, aber nicht beeinflussbar. Globale Krisen sind komplex, unübersichtlich und unkontrollierbar für den Einzelnen.

Diese Kombination – Gefahr ohne Handlungsmöglichkeit – erzeugt in uns besonders extremen Stress und wird als Ohnmacht empfunden.

  • Zukunftsangst
  • Rückzug
  • dauerhaftes Grübeln und Gedankenkreisen
  • erhöhte Reizbarkeit
  • Schafprobleme
  • körperliche Stressreaktionen…

können die Folge sein. Unser Bedrohungssystem (Amygdala) wird immer und immer wieder aktiviert. Der Körper registriert Alarm, kann aber nichts tun, um den Zustand zu verändern oder abzustellen. Das Ergebnis ist eine dauerhafte innere Anspannung, die sich nicht mehr abbauen kann.

Angst, Abstumpfung oder Vermeidung – normale Reaktionen auf unnormale Dauerbedrohung

Viele Menschen versuchen, sich zu schützen, indem sie es vermeiden, Nachrichten zu sehen/lesen/hören. Andere konsumieren sie weiter, obwohl sie merken, dass es ihnen absolut nicht gut tut. Beides sind Versuche, mit einer Überforderung umzugehen, für die es keine einfache Lösung im eigenen Wirkungsbereich gibt.

Nicht jeder reagiert auf diese Dauerkrisen mit offener Angst.

Vielleicht spüren Sie das Gegenteil: emotionale Taubheit, Gleichgültigkeit oder inneren Rückzug. Die Psyche reduziert als Schutzstrategie dann die Wahrnehmung der eigenen Emotionen, wenn die Belastung zu groß wird. Gefühle werden gedämpft, um im Alltag handlungsfähig zu bleiben. Insgesamt fühlt sich ein solcher Zustand äußerst unangenehm an – man hat das Gefühl, am Leben nicht mehr wirklich teilzuhaben, alles nur noch als Beobachter am Rand zu erleben.

Vielleicht reagieren Sie aber auch mit erhöhter Wachsamkeit und bewussten Sorgen. Sie verfolgen evtl. in übermäßiger Intensität und Frequenz alle verfügbaren Nachrichten, fühlen sich dabei aber zunehmend hilflos, Sie schaffen es aber auch nicht, sich dem Sog der Krisenthemen zu entziehen.

Beide Reaktionsmuster – sowohl Angst, als auch Abstumpfung – sind mögliche und normale Reaktionen auf eine unnormale Situation.

Kollektive Unsicherheit statt individueller Krise

Auffällig ist, dass viele Menschen diese besondere Form der Belastung nur ganz schwer in Worte fassen können. Das Belastungsgefühl entwickelt sich – weil es kein einzelnes Ereignis, keinen persönlichen, klaren Auslöser gibt – diffus und schleichend. Man spürt Unsicherheit, Anspannung und Erschöpfung und fragt sich, warum.

Dass die Belastung nicht individuell, sondern kollektiv ist, macht sie für den Einzelnen so schwer greifbar. Sie entsteht aus einer gesamtgesellschaftlichen, bedrückenden Atmosphäre, in der die Zukunft als unberechenbar, jede Planung als fragil und jedwede Stabilität als immer nur vorläufig begriffen wird. Dafür braucht es auch nicht unbedingt viele Worte. Die kollektive Stimmung liest sich für jeden von uns zuverlässig aus Körpersprache, Mimik, Verhalten und Reaktionen aller anderen unschwer ab.

Psychische Belastung durch schlechte Nachrichten ernst nehmen – ohne sich selbst zu pathologisieren

Nicht jede Belastung und jede Belastungsreaktion braucht sofort eine Lösung. Oft reicht es völlig aus, die eigene Reaktion einer Ursache zuordnen und verstehen zu können, um einen Weg zu finden, mit ihr adäquat umzugehen. Was keinen Sinn macht, ist der Versuch, die eigene Belastungsreaktion bekämpfen zu wollen.

Die entstehenden Gefühle sollten nicht zu beseitigen versucht oder durch krampfhaft positives Denken überdeckt werden. Entscheidend ist es, dem eigenen Nervensystem wieder Begrenzung, Rhythmus und Entlastung zu ermöglichen. Der bewusste Umgang mit der kollektiven Belastung und medialen Negativ-Überflutung ist der wichtigste Schritt zu einer Verbesserung Ihrer Situation und Ihres Befindens.

Erste Schritt dazu können sein:

  • Die bewusste Begrenzung von Medien – und Nachrichtenkonsum statt dauerhafte Negativ-Reizüberflutung mit festen Zeiten statt Dauerscrollen
  • Möglichst seriöse Quellen zu konsumieren
  • Keine Nachrichten vor dem Schlafen anzusehen
  • Körperliche Regulation zu unterstützen durch moderate Bewegung, Aufenthalte in der Natur
  • Soziale Verbundenheit stärken, denn Gemeinschaft und gemeinsame Einordnung reduziert Angst und Isolation verstärkt sie
  • Zelebrieren Sie Achtsamkeit und leben Sie bewusst mit Selbstmitgefühl

Innere Stabilität entwickeln trotz schlechter Nachrichten und Dauerstress

Da sich äußere Stabilität nur sehr begrenzt in unserem Einflussbereich befindet, wird in den aktuellen Zeiten die Fähigkeit, innere Stabilität aufzubauen umso wichtiger.

Innere Stabilität bedeutet nicht, gleichgültig zu werden. Es bedeutet vielmehr, zwischen äußerer Bedrohung und innerer Überforderung unterscheiden zu können. Wenn Ihnen das gelingt, dann können Sie emotional ansprechbar bleiben, ohne dauerhaft in einen Alarmzustand zu rutschen.

Stellen Sie sich zwischendurch folgende hilfreiche Fragen:

  1. Was von dem, was mich gerade beunruhigt, betrifft mein konkretes Leben – und was ist reine Informationsbelastung?
  2. Was in meinem Alltag ist im Moment tatsächlich stabil, auch wenn die Welt insgesamt unsicher wirkt?
  3. Welche Informationsquellen oder welche Themen halten meinen inneren Alarm dauerhaft aufrecht – und wo und wann ziehe ich bewusst eine Grenze?
  4. Wie viel Raum gebe ich aktuellen Krisen und wo warten in meinem Alltag greifbar wichtige Menschen und Situationen, die ich aktiv selbst gestalten kann?
  5. Was liegt hier und heute in meinem Einflussbereich – ganz konkret?

Wann professionelle Unterstützung sinnvoll wird

Wenn Sie merken, dass Ihnen das nicht ausreichend weiterhilft und ausreichende Entlastung bringt, dann ist es sinnvoll, über professionelle Unterstützung nachzudenken. Vielleicht gibt es in Ihrer Biografie und Lebensgeschichte oder Ihrer aktuellen Lebenssituation Faktoren, die einen Daueralarmzustand begünstigen oder ihn langfristig aufrechterhalten. Es gibt viele mögliche Ursachen, die da in Frage kommen. Therapie muss ja nicht erst da ansetzen, wo gar nichts mehr geht. Eine Psychotherapie kann (mit EMDR, Hypnose, Verhaltenstherapie) helfen, das Nervensystem zu entlasten und dauerhaft aus dem Alarmzustand zu holen. Auch die Entwicklung von mehr innerer Sicherheit kann ein Bestandteil einer multimodalen Therapie sein.

Für mehr Informationen oder Interesse an einem ersten Gespräch oder Therapieplatz erreichen Sie mich jederzeit telefonisch und über WhatsApp unter 0157 30969969 oder per mail unter brands.carolyn@gmail.com

In meinem Podcast Inside Therapie finden Sie viele weitere Infos und können Patienten hören, die von ihrem Weg zum Therapieerfolg berichten