
Einsamkeit
Einsamkeit ist ein schlimmer, oft unerträglicher und bedrohlicher Zustand – etwas, das man unter allen Umständen vermeiden sollte.
Oder?
Was wäre, wenn es so einfach nicht ist?
Einsamkeit – kein einfacher Begriff
Ich selbst suche in dieser überfüllten, lauten, schrillbunten Welt oft, bewusst und gezielt nach Einsamkeit. Und ich weiß, ich bin damit nicht allein. Für viele sind Momente der Einsamkeit angenehm, wichtig und gut.
Wie ist das also mit der Einsamkeit? Was macht Einsamkeit überhaupt aus, wer empfindet sie wie, wann und warum?
Was macht Einsamkeit mit uns? Ist sie nun böse oder gut?
Die Pathologisierung des Alleinseins
Seit langem wird uns gesellschaftlich vermittelt, dass Einsamkeit etwas grundsätzlich Schlechtes sei. Etwas Gefährliches. Ein Zustand, den es unbedingt und mit allen Mitteln zu verhindern gilt. Wer allein ist, gilt schnell als defizitär, isoliert, rückständig oder sogar krank. Demgegenüber wird Zugehörigkeit idealisiert: Gruppe, Netzwerk, Austausch, ständige Orientierung nach außen gilt als Erfüllung, Sichtbarkeit wird gleichgesetzt mit Gesundheit und Lebensfreude und Verbundenheit wird verstanden als Stabilität. Wer ständig unter Menschen oder Teil einer „Community“ ist, dem geht es gut und mit ihm ist alles in Ordnung. Das ist die Grundannahme Vieler.
Dieses Narrativ ist so tief verankert, dass es praktisch niemand mehr infrage stellt. Was Einsamkeit bedeutet ist einfach unhinterfragt klar. Aber dennoch bleibt diese Einseitigkeit in der Wahrnehmung fasch – und gefährlich.
Warum Alleinsein beängstigend ist
Wenn Alleinsein gefürchtet wird – so wie heute überall üblich – liegt das weniger am alleine sein selbst, sondern vielmehr daran, was es sichtbar macht und emotional auslöst: innere Leere, Abhängigkeit von äußerer Bestätigung, fehlende Selbstverankerung, Kontakt zu den eigenen Emotionen.
Heißt: Einsamkeit fühlt sich nur dann schrecklich an, wenn man sich selbst nicht gut aushalten kann. Sie bringt Menschen in Kontakt und Verbindung mit ihren eigenen Themen. Mit den schmerzenden und unangenehmen Gedanken, Erkenntnissen, Emotionen, Erinnerungen…die man ansonsten durch Alltags – und Freizeittrubel von sich fernhalten kann. Mit sich ganz alleine zu sein, produziert diese Zustände also nicht, sie legt sie nur frei. Statt aber diese Zusammenhänge zu betrachten und kritisch zu hinterfragen, um an sich zu arbeiten und zu wachsen, wird Einsamkeit gesamtgesellschaftlich pauschal zum Feind erklärt.
Eine sachliche Betrachtung einsamer Zeiten
Nicht das Alleinsein an sich ist also bedrohlich, sondern die Unfähigkeit, es auszuhalten und damit umzugehen. Wenn man aber Einsamkeit vom üblichen Narrativ entkoppelt, verändert sich fundamental ihre Bedeutung: Einsamkeit ist kein Mangelzustand, sondern ein Raum.
Einsam mit sich zu sein ist ein Zustand, in dem kein Abgleich möglich und nötig ist. Niemand spiegelt einen und es gibt keine korrigierende Instanz. Und genau darin liegt die eigentliche positive und höchste wertvolle Kraft von Einsamkeit. Man kann man selber sein und ganz bei sich. Man hat nur in Einsamkeit diese Chance, sich unverfälscht und ungefiltert selbst zu treffen.
Positive Aspekte des Alleinseins
Allein zu sein fördert Selbstkohärenz. Alle Gedanken, Gefühle und Impulse stehen nicht unter dem Druck, anschlussfähig zu sein. Dadurch entsteht ein konsistenteres inneres Erleben. Viele Menschen berichten in und nach einsamen Phasen von größerer innerer Klarheit – nicht etwa, weil Probleme verschwinden, sondern weil sie nicht mehr durch ständige soziale Rückkopplung verzerrt werden.
Gleichzeitig sind Momente des Alleinseins auch immer Schutz – und Schonräume. Man wird weder beurteilt und bewertet, noch verglichen. Es gibt auch keinerlei Verantwortung für das Befinden anderer. Die eigenen Bedürfnisse dürfen im Vordergrund stehen und das wichtigste sein.
In diesem Sinne ist Einsamkeit eine große Ressource: Sie fördert den Kontakt mit sich selbst, innere Klarheit und Selbstregulation. Daraus erwachsen grundlegend wichtige Fähigkeiten. Wer Einsamkeit für sich nutzen kann, geht gestärkter wieder in Außenkontakte. Einsamkeit fördert eine besondere Form von Freiheit.
Auswirkungen der Vermeidung von Einsamkeit
Vielleicht schließt sich an dieser Stelle auch ein wesentlich wichtiger Kreis. Möglicherweise ist es ja so, dass das Vermeiden von Phasen der allseits verteufelten Einsamkeit dazu führt, dass sie vermehrt entsteht. Nicht als alleinige Ursache, aber durchaus als Teil eines komplexen Geschehens. Wenn so viele Menschen so konsequent den tiefen und ehrlichen Kontakt mit sich selbst vermeiden – wie er nur in Zeiten des Alleinseins möglich wird – dann trifft eine Menge an Menschen aufeinander, die alle nicht gut bei sich selbst sind. Wie sollen dann alle mit allen anderen gut umgehen können? Wer sich selbst nicht gut aushält, kann auch andere nicht halten. Die Folge ist exakt: Einsamkeit für viele.
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