
Mein Kind beschimpft und schlägt mich – Ursachen verstehen und wirksam handeln
Mein Kind schlägt mich. Mein Kind beschimpft mich.
Vielleicht hätten Sie nie gedacht, dass sie diesen Satz einmal denken würden. Oder googeln müssten. Und vielleicht haben Sie genau deswegen lange gezögert, ihn überhaupt zuzulassen.
Das fühlt sich falsch an? Beschämend? Und so, als dürfte es eigentlich gar nicht passieren?
Genau deshalb wird darüber so wenig gesprochen.
Wenn Ihr Kind Sie schlägt und beschimpft – was hinter der scheinbaren Respektlosigkeit steckt
Wenn Kinder ihre Eltern verbal oder physisch angehen, wird schnell nach Ursachen gesucht: Grenzen? Konsequenzen? Respekt? Erziehung? Denn hier geschieht ja etwas eigentlich Undenkbares.
In der Praxis greifen diese Erklärungen aber fast immer zu kurz.
In den allermeisten Fällen geht es weder um Boshaftigkeit, Macht oder fehlenden Willen. Sondern darum, dass es zu einem Impulsdurchbruch kommt – also um einen Moment, in dem die innere Steuerung Ihres Kindes nicht mehr greift.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Warum macht mein Kind das?
Sondern: Warum kann es sich in diesem Moment nicht regulieren?
Ein oft übersehener Zusammenhang: zu wenig Co-Regulation
Eine Ursache taucht in meiner Arbeit besonders häufig auf – und sie ist unbequemer, als viele erwarten:
Zu wenig Co-Regulation durch ein missverstandenes Konzept von Bedürfnisorientierung.
Viele Eltern, vielleicht auch Sie, wollten es bewusst anders machen. Nicht autoritär, nicht hart, nicht übergriffig. Sie wollten ihr Kind ernst nehmen, verstehen, begleiten, stärken.
Sie haben viel gelesen zur Erziehung von Kindern und zum Thema Bedürfnisorientierung und wollen das genau so für Ihr Kind umsetzen?!
Das Problem ist nicht diese Haltung. Das Problem ist, was daraus im Alltag oft geworden ist.
Wenn „Bedürfnisorientierung“ Kinder allein lässt
Bedürfnisorientierung wird heute in vielen Familien sehr bewusst gelebt. Eltern bemühen sich,
- Gefühle, Wünsche, Bedürfnisse ernst zu nehmen
- Konflikte ausführlich zu besprechen
- Entscheidungen gemeinsam zu treffen oder dem Kind Entscheidungen frei zu stellen
- ihr Kind nicht zu übergehen
- Eskalationen nicht sofort zu unterbrechen
- möglichst wenig bis keinen Druck auszuüben
Man spricht viel. Man erklärt viel. Man fragt nach. Man möchte nichts vorschnell abbrechen. Man hofft, dass Einsicht entsteht. Man möchte sein Kind nicht beschämen oder übergehen. Oft geschieht das aus Liebe und großer Zuwendung und dem Wunsch heraus, es besser zu machen, als die eigenen Eltern früher.
Und genau an dieser Stelle entsteht dann manchmal still, schleichend und lange unbemerkt eine Verschiebung.
Denn dabei wird etwas sehr Wichtiges übersehen: Entwicklung entsteht nicht dadurch, dass ein Kind alles selbst entscheidet und regelt. Sondern dadurch, dass die Bezugspersonen Entscheidungen und Regulation immer wieder zuverlässig übernehmen, bis das Kind im Laufe der Jahre seiner Entwicklung Dinge selbst übernehmen, entscheiden und sich selbst regulieren kann. Denn das kann es definitiv nicht und muss es schrittweise lernen. Die Kunst auf der Elternebene besteht darin, sensibel zu sein dafür, ab wann ein Kind etwas selbst managen und entscheiden kann. Und die Aufgabe auf der Elternebene besteht so lange in Entscheidungen und Regulation.
Entscheidungsfreiheit und Bedürfnisorientierung ohne innere Steuerung ist Überforderung
Viele der Kinder, die aggressiv gegen ihre Eltern werden, wirken an anderer Stelle erstaunlich kompetent: sprachlich stark, verständig, kooperativ, mit Kompetenzen. Doch Sprache ist keine Regulation, Einsicht keine Impulskontrolle und Kooperation ist kein sicherer Halt. Und das ist es, was Kinder brauchen, um innere Sicherheit und Entscheidungsfähigkeit zu entwickeln. Nur durch die Co-Regulation durch die Eltern kann ein Kind schrittweise lernen, wie es sich selbst regulieren kann und Entscheidungen kann es erst selbst treffen, wenn es Frustrationstoleranz und den jeweils nötigen Weitblick gelernt hat. Dass Eltern Entscheidungen für ihre Kinder treffen und Regulation unterstützen ist nicht Entmündigung, sondern Hilfe, sich Stück für Stück zu entwickeln.
Wenn Kinder dagegen zu früh entscheiden, aushalten oder sich selbst steuern sollen, ohne dass jemand klar und ruhig für sie entscheidet oder sie stoppt, entwickelt sich keine Selbstsicherheit und keine Selbstregulation, sondern Daueranspannung.
Warum es fast immer die Eltern trifft
Viele Eltern fragen sich verzweifelt, warum ihr Kind Ihnen gegenüber explodiert – aber nicht gegenüber den Erwachsenen im Kindergarten oder der Schule.
Die Antwort ist schlicht: Weil bei Ihnen und Zuhause die äußere Kontrolle wegfällt. Sie und Ihr Zuhause bedeuten Sicherheit, Nähe, Bindung. Und genau dort, wo Ihr Kind loslassen darf, verliert es die Kontrolle – wenn es keine innere Regulation hat, die übernehmen kann. Es hat dann stundenlang im Kindergarten und der Schule „erduldet“, dass es Dinge tun oder lassen sollte, hat das als sehr anstrengend empfunden – denn genau diese Form der Regulation, die in diesen Kontexten erforderlich ist, hat es nicht verinnerlicht und gelernt.
Zuhause müsste dann eigentlich der Ort der totalen Kompensation sein mit völliger Orientierung an den kindlichen Bedürfnissen. Denn sein „Fass ist bereits sehr voll“. Und genau dann, wenn Sie an dieser Stelle etwas fordern, kippt das Kind endgültig aus der Regulation und reagiert mit Aggression.
Diese Aggression ist dann aber kein Angriff auf die Eltern, sondern ein Notausgang des Nervensystems und damit Zeichen kompletter Überforderung.
Aggression als letzter Weg, gestoppt zu werden
So paradox es klingt: Viele Kinder eskalieren, weil sie (meist unbewusst) darauf warten, endlich gehalten zu werden.
Kinder wollen dann nicht, dass Sie stets einlenken, nachgeben, sich bemühen, zu verstehen. Sie wollen klare, ruhige Erwachsene, die für sie in vielen Situation stark sind und das durch ebenso klare und ruhige Führung auch zeigen können. Kinder wollen Schutz und Geborgenheit. Aber das können Eltern natürlich nur dann verkörpern, wenn sie sich als souveräner und stärker erweisen, als das Kind sich selbst wahrnimmt. Ein eskalierendes Kind sagt also oft vordergründig: „Ich will xyz nicht“, meint aber: „ich will nicht alleine. Ich will aufgehoben sein, geborgen sein, mich verlassen können auf dich“. Und deshalb eskaliert es mit Mama oder Papa, nicht mit Dritten. Denn dieser Wunsch richtet sich primär an die Eltern.
Wenn ein Kind nie zuverlässig erlebt hat, dass es liebevoll und klar eingerahmt und gestoppt wird, wenn es zu viel wird, dann kann es eine eigene innere Bremse egal zu welchem Thema und in welchem Setting auch nicht entwickeln. Dann kommt es zu solchen Impulsdurchbrüchen. Nicht geplant und nicht gesteuert. Sondern reflexhaft. Frustration durch Anforderungen oder ein Nein können dann nicht ausgehalten werden und stehen auch nicht im inhaltlichen Kontext von Geborgenheit in einem klar einschätzbaren Konstrukt.
„Mein Kind schlägt und beschimpft mich“ ist also kein Versagen – sondern ein ernstzunehmendes Signal
Wenn ein Kind seine Eltern schlägt und beschimpft ist das also nicht sicher ein Zeichen fehlender Liebe, der Beweis elterlichen Scheiterns und eines „schwierigen Charakters“ des Kindes. Sondern möglicherweise ein Hilfeschrei eines Kindes, das sich alleingelassen und überfordert fühlt mit zu viel Verantwortung für sein eigenes Verhalten und für Entscheidungen, die es treffen darf und soll.
Es ist dann ein Hinweis darauf, dass Regulation in der Entwicklung nicht ausreichend aufgebaut werden konnte – gerade dort, wo Eltern besonders bemüht waren, alles richtig zu machen. Für Sie als Eltern bedeutet das vor allem folgendes:
Sie müssen sich dann nicht noch mehr bemühen, zu erklären, zu verstehen oder auszuhalten. Dann möchte Ihr Kind, dass Sie es anders führen. Es möchte Entscheidungen (noch) nicht (alleine) treffen, es möchte gar nicht die Anstrengung der Wahl haben, es möchte Hilfe dabei bekommen, Frustrationen aushalten zu lernen und es möchte einen starken Erwachsenen, an den es sich anlehnen kann.
Weniger erklären, mehr übernehmen
Insgesamt in vielen Situationen im Familienalltag, insbesondere aber in eskalierenden Situationen hilft es Ihrem Kind nicht, wenn Sie immer, viel und ausgiebig argumentieren, nach Ursachen fragen oder Einsicht erwarten. Hier gilt, was fast immer und in jedem Lebensbereich gilt: Die Dosis macht´s! Es kommt darauf an, in welcher Situation was für Ihr Kind überhaupt verstehbar und leistbar ist. Ganz klar ist: Ist die Situation einmal in Eskalation übergegangen, macht ruhiges Reden wenig Sinn – denn Ihr Kind ist in solchen Momenten einfach gar nicht mehr zugänglich. Es braucht in solchen Situationen
- eine klare, ruhige Unterbrechung
- eine Grenze, die nicht verhandelt wird
- eine Haltung, die sagt: jetzt übernehme ich
Und das ist nicht das Ausleben von Machtansprüchen, sondern Entlastung für Ihr Kind.
Nähe braucht Führung
Viele Eltern ziehen sich in solchen schwierigen Situationen innerlich zurück, weil sie Angst haben, etwas zu verschärfen. Doch Unsicherheit verstärkt die innere Spannung Ihres Kindes. Es spürt sehr genau, wenn Sie selbst keinen Halt mehr haben. Für Kinder in dieser Dynamik gilt: Nähe ohne Führung überfordert. Führung ohne Beziehung verängstigt. Was sie brauchen, ist beides gleichzeitig.
Grenzen, die Sie als Eltern setzen, dienen in diesen Situationen nicht dazu, Verhalten „abzustellen“. Sie sind ein äußerer Ersatz für eine innere Bremse, die (noch) fehlt.
Klar und auf gute Art gesetzte, ruhige Grenzen helfen Ihrem Kind Spannung abzubauen, sich wieder zu orientieren und nicht weiter zu eskalieren. Das fühlt sich für viele Eltern zunächst ungewohnt an – aber genau an dieser Stelle beginnt Veränderung.
Wann Eltern Unterstützung brauchen
Wenn Eskalationen trotz Ihrer Bemühungen um klare Grenzen nicht weniger werden. Wenn Sie merken, dass Sie selbst innerlich längst überfordert sind. Wenn Gewalt zunimmt oder Angst entsteht. Wenn Gespräche nichts mehr verändern.
Dann geht es nicht mehr nur um Erziehung und Co-Regulation. Dann geht es um Regulation für alle.
In solchen Situationen braucht es einen äußeren Rahmen, der Sicherheit herstellt – für Ihr Kind und für Sie.
Eine therapeutische Begleitung muss dann mehr leisten, als Ihr Kind als „oppositionell“ zu deklarieren und ein Verhaltenstraining vorzuschlagen. Sinnvolle therapeutische Begleitung muss
- die Ursachen der Überforderung klären
- das Regulationsniveau des Kindes stabilisieren
- Sie als Eltern in Ihrer Führungsrolle stärken
- und neue, tragfähige Strukturen im Alltag verankern.
Denn erst, wenn innere Sicherheit bei allen Beteiligten wächst, verändern sich die Ausbrüche.
Wenn Sie merken, dass dieses Thema Sie persönlich betrifft und Sie an den zugrunde liegenden Ursachen arbeiten möchten, begleite ich Sie sehr gerne in einem ersten Gespräch.
Für mehr Informationen oder Interesse an einem ersten Gespräch oder Therapieplatz erreichen Sie mich jederzeit telefonisch und über WhatsApp unter 0157 30969969 oder per mail unter brands.carolyn@gmail.com
In meinem Podcast Inside Therapie finden Sie viele weitere Infos und können Patienten hören, die von ihrem Weg zum Therapieerfolg berichten
Spezielles Therapie-Format:
Es besteht auch die Möglichkeit, das Thema Ihres Kindes in einer Kompakt-Therapie zu behandeln. In wenigen Tagen intensiver Behandlung erreichen sie in angenehmer Wohlfühlatmosphäre deutliche Erfolge, die sonst Wochen oder Monate benötigen würden. Terminstress und Alltags-Themen bleiben außen vor und Sie können unabhängig vom Therapieangebot an Ihrem Heimatort meinen besonderes Therapiekonzept in Anspruch nehmen